Gott schenkt einen neuen Anfang
– der 3. Februar 1946

Vor über 70 Jahren fand nach dem 2. Weltkrieg wieder ein Gottesdienst der Johannischen Kirche statt

Am 3. Februar 1946 versammeln sich johannische Christen nach über elfjährigem Verbot ihrer Kirche zum ersten Gottesdienst. Der Versammlungsort ist die Aula der Hildegard-Wegscheider-Schule in Berlin-Grunewald, Lassenstraße 18. Vor der dankerfüllten Gemeinde steht Frieda Müller (1911-2001) die berufene Nachfolgerin des Kirchengründers Joseph Weißenberg (*1855) und Oberhaupt der Kirche seit dessen Heimgang 1941.

Doch der Weg dorthin war beschwerlich.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges ist Deutschland ein einziger Trümmerhaufen, und die Fragen des Wiederaufbaus stellen sich sehr ernst. „Was ist zu tun? Wie und mit wem soll begonnen werden? Woher ist Hilfe zu erwarten?“ Sind die Antworten darauf innerhalb der Gesellschaft, der Wirtschaft schon sehr schwer zu geben - der Versuch, die Johannische Kirche wieder aufzubauen, erscheint bei den vorhandenen Gegebenheiten fast aussichtslos. Schließlich war das Zerstörungswerk schon mit dem Verbot der Kirche durch die Nationalsozialisten im Jahr 1935 systematisch eingeleitet worden, und die Kriegseinwirkungen hatten ein Übriges getan.

Hildegard-Wegscheider-Schule
Der Ort des ersten johannischen Gottesdienstes nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Hildegard-Wegscheider-Schule in Berlin-Grunewald.

Was ist zu tun, wenn es kaum noch eine schriftliche Unterlage für die frühere Existenz dieser Gemeinschaft gibt? Wie und mit wem soll die Arbeit begonnen werden, wenn ein Teil der einstigen Kirchenmitglieder sich während der Verbotszeit abgewendet hat und wenn andere im Krieg gefallen, umgekommen, in Gefangenschaft geraten oder irgendwohin umgesiedelt sind? Woher ist Hilfe zu erwarten, wenn jeder mit sich selbst zu tun hat? Mit allen Fragen steht das Frieda Müller im Alter von 34 Jahren erst einmal ganz allein. Und es charakterisiert sie mehr als manches andere, dass sie, im Wissen um die Schwere ihrer Aufgabe, bei sich selbst anfängt, das Notwendige einzuleiten und zu ordnen.

Nach Berlin zurückgekehrt, nimmt Frieda Müller ihren Wohnsitz im Stadtteil Halensee. Sie arbeitet als Masseurin. Durch gute Leistungen in ihrem Beruf erwirbt sie sich Achtung und Vertrauen. Gute Möglichkeiten zum weiteren Vorwärtskommen eröffnen sich. Das alles gibt sie ohne Zögern auf, um sich ganz dem Auftrag ihres Vaters, dem Wiederaufbau der Johannischen Kirche zu widmen. Mit Aufopferung, Zielstrebigkeit und alles Eigene hintenanstellend, setzt sie sich ein. Es kommen die ersten Helfer und Mitstreiter, die als treugebliebene Kirchenmitglieder an ihre Seite treten und, ohne dass sie nach dem Lohn fragen, Aufträge übernehmen.

Gottesdienst in der Schulaula
Gottesdienst in der Schulaula der Wegscheider-Schule

Oft erzählt Frieda Müller dankbar, wie es in jenen Tagen zu der ersten Begegnung mit Propst Heinrich Grüber (1891-1975) kommt, mit dem sie enge Freundschaft bis an sein Lebensende pflegt. Sie sucht ihn auf. weil er als Mitglied des Beirats für kirchliche Angelegenheiten Anträge im kirchlichen Bereich zu begutachten und zu befürworten hat, ehe sie behördlich genehmigt werden. Der Probst, selbst ein Verfolgter des NS-Regimes, sagt seine Hilfe spontan zu und gewährt sie auch. Als er von Frieda Müller einmal den Satz hört, „dass wir ja nur eine kleine Kirche sind“, antwortet er: „Was heißt hier ,kleine Kirche‘! Auch der Heiland hat einmal mit zwölf Mann angefangen.“ Das ist ein helfendes Wort, so wird es aufgenommen und nicht vergessen. Bereits kurz nach Kriegsende begibt sich Frieda Müller zum Amtsgericht Trebbin, um dort zu erwirken, dass die Arbeit an der von Joseph Weißenberg aufgebauten Friedensstadt wieder aufgenommen werden kann. Die erste schriftliche Antwort trägt das Datum des 28. Juli 1945. Das Gericht setzt einen Notvorstand ein, dem Frieda Müller als Vorsitzende angehört. Die Siedlungsgenossen sollen ermittelt und benachrichtigt werden, um eine Generalversammlung einberufen zu können. Mit zwei Schreibtischen, die sie selbst auf einem Handwagen holt, beginnt die Arbeit in Berlin. Am 7. Oktober 1945 findet die erste außerordentliche Generalversammlung in Berlin statt. Ort des Zusammentreffens ist der große Bürger-Saal des Rathauses von Berlin-Schöneberg. 1033 Teilnehmer verzeichnet das Protokoll. Gleichzeitig mit dem Bemühen um die Friedensstadt führt Frieda Müller Verhandlungen mit den zuständigen Behörden wegen des Wiederaufbaus der Kirche. Beim Amtsgericht Berlin-Mitte sucht sie persönlich aus dem riesigen Archiv die Akte der Kirche heraus. Auch hier lässt sie einen Beschluss herbeiführen, mit dem ein Notvorstand eingesetzt wird. Die alte Satzung tritt vorläufig wieder in Kraft.

Die Wege sind schwer, und es muss lange gewartet werden. Die Behörden arbeiten sich erst wieder ein, und es gibt vieles, was neu geordnet und bewältigt werden muss. Die Verhandlungen mit den Berliner und den Alliierten Behörden wegen des ersten Gottesdienstes gehen bis Ende 1945 weiter. Inzwischen ist es durch die erste Kontaktaufnahme vieler Kirchenmitglieder, die an der Generalversammlung teilgenommen haben, möglich geworden, die Suche nach anderen aufzunehmen und Benachrichtigungen zu schicken. Einige Mitglieder, die zu dieser Zeit aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehren, unterstützen diese Aufgaben. Am 7. Januar 1946 wird die erste Genehmigung für einen Gottesdienst von der britischen Militärregierung erteilt. Es folgen die Genehmigungen der sowjetischen Militäradministration sowie die von der französischen und amerikanischen Militärbehörde alsbald in dieser Reihenfolge. Der Weg zum 3. Februar 1946 ist für die Kirche frei.