"Ich weiß, an wen ich glaube"

Am 6. März 1941 starb Joseph Weißenberg, der Gründer der Johannischen Kirche

Joseph Weißenberg

"Ich glaube an Gott den Vater, ich glaube an Gott den Sohn, ich glaube an Gott den Heiligen Geist und an Gottes Offenbarungen durch Mose, Jesus Christus und Joseph Weißenberg!" Mit diesen Worten bekennen am 6. März die johannischen Christen ihren Glauben. Am 6. März 1941 verstarb der Gründer der Johannischen Kirche, Joseph Weißenberg (Foto), in der Verbannung in Obernigk in Schlesien. Auf Grund dieses Ereignisses begehen die Christen der Johannischen Kirche an diesem Tag in ihren jeweiligen Gemeinden einen Gedenkgottesdienst. Dass der 6. März im Allgemeinen und der 6. März 1941 im Besonderen in der Johannischen Kirche ein so großes Gewicht hat, ist nicht eine Frage der Traditionspflege, sondern hat mit dem tief empfundenen Glauben an die göttliche Mission Joseph Weißenbergs zu tun. Fünf Jahre nach seinem Heimgang am 6. März 1946 sprach seine Nachfolgerin Frieda Müller nur wenige Wochen, nachdem der erste Gottesdienst die elfjährige Verbotszeit der Johannischen Kirche beendet hatte, folgende Worte:

"Er war ein Mensch, – wir haben es erkannt – in dem alle Gaben und Kräfte des Geistes waren. Er war ein Helfer und ein Segenspender, ein Liebender und Verzeihender. Er gab uns eine Fülle von seinem Reichtum, von den Ewigkeitsgedanken aus jener Welt. Er hinterließ uns die Stadt des Friedens, die unser Wallfahrtsort war und wieder werden soll. »Zwei Lebensstützen brechen nie, Gebet und Arbeit heißen sie.« Sein Grundgedanke war: »Ich will aus dem Allerschlechtesten etwas Gutes machen.« Und das alles hat er uns vorgelebt. Er wurde stark bekämpft, aber wir wissen seinen Ausspruch: »Ich habe keine Feinde, die Feinde haben mich.« Frohe Menschen, die im freien Geiste Gottes leben, dazu hat er uns erzogen. Wir können nur eins, seinem Wunsch nachfolgen, das heißt, seid einig, einig, einig! Kein Hass, kein Zank, kein Streit, sondern die Liebe walten lassen und das eigene Ich zurückstellen, damit die Urkirche Jesu Christi, wie er sie uns gegeben hat, bestehen bleiben möge von Zeit bis in alle Ewigkeit." Seit dem 6. März 1966 sprechen die Johannes-Christen ihr Glaubensbekenntnis in der heutigen Form. Was bewegt Menschen zu diesem Bekenntnis? Nicht nur die Anhänger Joseph Weißenbergs, die ihn zu seinen Lebzeiten erkannt haben, sondern auch alle anderen, die sich in den 75 Jahren seit seinem Heimgang seinem Werk anschlossen, sind erfüllt von etwas, das man nur schwer in Worte fassen kann: dem Glauben.

An Joseph Weißenberg scheiden sich Menschen und Geister, damals wie heute.

An Joseph Weißenberg scheiden sich Menschen und Geister, damals wie heute. 1903 erschien ihm der Heiland und forderte ihn auf, seinen irdischen Beruf aufzugeben und sich ausschließlich seiner geistigen Bestimmung zu widmen. Seit seinem dritten Lebensjahr, als er das erste Mal seine Hände auf einen Todkranken legte und es mit diesem besser wurde, hatte sich Joseph Weißenberg der Heilung seiner Mitmenschen verschrieben. Es war ein göttlicher Impuls in ihm. Nun versammelte er ab 1907 in der "Christlichen Vereinigung ernster Forscher von Diesseits nach Jenseits, wahrer Anhänger der christlichen Kirchen" Menschen um sich, die mit ihm den Weg in das Zeitalter des Heiligen Geistes gingen.

Dem Bekenntnis zu Joseph Weißenberg folgte die Ablehnung und Bekämpfung auf dem Fuße, denn mit seinem Heilwirken und Eintreten für religiöse Wahrheiten machte er sich nicht nur Freunde: Anfeindungen gab es bis in seinen engsten Lebensbereich hinein. Ärzte waren gegen sein Heilwirken, manche Theologen bekämpften sein geistiges Wirken. Doch auch hier darf man nicht in Schwarz-Weiß-Malerei verfallen. Immer wieder gab es Mediziner, die sich ihrer eigenen Grenzen demutsvoll bewusst waren und "hoffnungslose Fälle" in die Berliner Gleimstraße, die Wohnung Weißenbergs, schickten. – Und es waren Menschen wie der evangelische Propst zu Berlin, Heinrich Grüber, die nach den Erfahrungen im II. Weltkrieg anerkannten, dass Joseph Weißenberg nicht Christus herabsetzte, sondern ihn zum Mittelpunkt seines Wirkens machte. Unvergessen sind Grübers Worte an Frieda Müller: "Was heißt hier kleine Kirche? Auch Jesus hat einmal mit zwölf Mann angefangen."

Für manche mag das Erkennen des göttlichen Auftrages Joseph Weißenbergs ein widersprüchlicher Prozess sein, denn die Menschen brauchten ihre Zeit, um Erkenntnisse an- und aufnehmen zu können. Für die ersten, die sich Joseph Weißenberg anschlossen, war er der "Bruder Weißenberg". Als ihnen sein Wirken deutlicher wurde, sahen sie in ihm den "Propheten", bis sie in ihm eine Offenbarung Gottes erkannten: den von Christus verheißenen Tröster, den Geist der Wahrheit.

"Wenn ich im Fleische nicht mehr unter euch bin, werde ich im Geiste zehnmal stärker unter euch wirken."

Daran hat sich auch 75 Jahre nach seinem Heimgang nichts geändert, denn seinen Anhängern gab Joseph Weißenberg noch zu Lebzeiten den Trost: "Wenn ich im Fleische nicht mehr unter euch bin, werde ich im Geiste zehnmal stärker unter euch wirken."

Joseph Weißenberg wollte die Urkirche Jesu Christi wieder aufrichten. Er wirkte in der katholischen Kirche, wo er unter anderem um die Freigabe der Bibel stritt, und er trat in der evangelischen Kirche der Verwässerung des Glaubens entgegen. Die Johannische Kirche gründete er, nachdem seinen Anhängern das Abendmahl verwehrt wurde. Er gab ihnen den Auftrag: "Johannische Christenheit erkenne dein Ziel in der Überbrückung der Konfessionen durch die Liebe." Sein Verhältnis zu Lehre und Leben Christi drückt sein folgender Ausspruch klar aus: "Vollkommen, heilig ist Gott allein – Jesus Christus. Kein Mensch, kein Geist wird je vollkommen werden. Doch lasset uns das Ich abstreifen, um aufgehend im Geiste der unendlichen Liebe besser, reiner, vollkommener, gottähnlicher zu werden."

Das Erkennen der Wege einer Offenbarung Gottes ist auch für deren Anhänger oft unverständlich. Mose musste mit dem Volk Israel um dessen Glaubenstreue ringen. Er trug ihre Schuld mit, die sie sich durch die Errichtung eines goldenen Kalbes aufbürdeten, und verließ sie nicht auf ihrer vierzigjährigen Wanderschaft durch die Wüste. Christus wurde beim Einzug in Jerusalem mit "Hosianna" begrüßt, doch seine Mahnung "Mein Reich ist nicht von dieser Welt" empörte die Menschen und veranlasste sie zum: "Kreuzige ihn."

Auch das Handeln der Anhänger Joseph Weißenbergs ist unvollkommen und nicht frei von Schuld. "Wenn wir einig sind, geht uns kein Fußbreit Boden verloren", ist die Mahnung Joseph Weißenbergs an die Seinen. Das Verbot der Kirche durch das NS-Regime 1935 und die Wegnahme der Friedensstadt sind auch Folgen einer Ungeduld, die göttliches Wirken in menschliche, politische und dadurch in gewalttätige Schemata pressen wollte.

So sahen wohl auch einige Anhänger und Mitstreiter Joseph Weißenbergs in der Machtergreifung Hitlers die Gewähr einer "Ordnung", die auch die langersehnte öffentliche Anerkennung der Kirche Weißenbergs mit sich bringen würde. Sie verkannten dabei die Wege, die die Liebe Gottes mit ihnen gehen wollte.

Der heutigen Generation steht es nicht zu, darüber zu richten, denn auch ihr gilt die Mahnung Joseph Weißenbergs zur Einigkeit. Aber all die Geschwister, die in der Verbotszeit treu und unter Gefahr für Leib und Leben zum Meister standen, mit ihrem Mut den Glauben bewahrten, Kontakt untereinander hielten oder mit ihrer Weigerung, die Friedensstadt an den NS-Staat zu veräußern, die Rückgabe der Siedlung Jahrzehnte später ermöglichten, dürfen als leuchtende Beispiele dienen. Diesen Beispielen ist Folge zu leisten in der Liebe untereinander, im Einsatz für das Werk und in der Ablehnung hasserfüllter Gedanken, die sich heute in Deutschland wieder als Fremdenfeindlichkeit und Rassenwahn an die Öffentlichkeit wagen.

Rainer Gerhardt