Reformation in der Verantwortung vor Gott

Predigt zum Reformationstag am 31. Oktober

"Euch, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln." (Maleachi 3,20)

"Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben." "Darin offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt (wörtlich: ,Gottes Gerechtigkeit‘), welche kommt aus Glauben in Glauben; wie denn geschrieben steht: ,Der Gerechte wird seines Glaubens leben.‘" (Römer 1,16-17)

"So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben." (Römer 3,27)

Reformationstag – Reformationsfest – Geburtstagsfest der Evangelischen Kirche. An diesem Tag schlug Martin Luther, der Mönch aus Wittenberg, seine 95 brennenden Fragen an die Obrigkeit an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg. Geburtstag auch der Johannischen Kirche. Denn im Jahre 1926 sammelten sich die Anhänger Joseph Weißenbergs im Albrechtshof und anderen Orten in Berlin-Steglitz, um den ersten Kirchentag der Johannischen Kirche zu feiern. Dies war ein Akt der Befreiung auch aus Bevormundung und Herabsetzung und Diskriminierung, ein Weg hinein in ein eigenes, ein freies und gottbestimmtes Leben, der Weg in eine neue Gerechtigkeit, die Gott will.

Wenn wir uns heute umschauen in unserer Welt und den Begriff Reformation verwenden, dann finden wir wenig Verständnis. Reformation? Was ist das? Reform, ja! Dieses Wort kennen wir alle, und von Reformen ist dauernd die Rede, obwohl das auch etwas mit Reformation zu tun haben könnte. Aber alle Welt redet von Reformen: von Reform des Gesundheitswesens und der Finanzpolitik, von der Reform des Bildungswesens und der Neugliederung der Länder und von der Reform des Steuerrechts und von all diesen Dingen. Immer steht im Hintergrund der Versuch, mehr Gerechtigkeit in unserer Welt herzustellen. Aber wenn man Gerechtigkeit herstellen will, ohne sich immer der Verantwortung vor Gott und dem Nächsten bewusst zu sein, dann werden daraus nur Reförmchen. Gerechtigkeit in unserer Welt, in unserer Zeit, was ist das?

Aus manchen dieser Reformen könnten auch richtige kleine oder große Reformationen werden, nämlich eine Umkehr und eine Neubesinnung, weil man sich der Verantwortung vor Gott bewusst ist. So hat der Prophet Maleachi es den Bürgern Jerusalems zugerufen, nachdem er ihnen ein großes Strafgericht Gottes verkündet hat, wenn sie nicht umkehren: Aber wenn ihr Gottes Namen fürchtet und mich liebt, so spricht Gott, dann will ich über euch aufgehen lassen die Sonne der Gerechtigkeit, diesen Strahl des Gotteslichts, der diese Welt erhellen, verändern und bessern kann. – Das Volk hat letztlich diesen Ruf vernommen, und Gott musste kein Strafgericht über dieses Volk schicken.

Der Ruf nach Gerechtigkeit setzte sich fort. Auch unser Herr und Heiland hat die Gerechtigkeit zwei Mal in seiner Bergpredigt als wichtigstes Ziel unseres Lebens und unseres Ringens genannt: "Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden!" Er hat auch zugleich um die Konsequenzen gewusst, die das Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit mit sich bringt, denn er hat auch gesagt: "Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihr."

Gerechtigkeit herzustellen in dieser Welt zieht Verfolgung, Herabsetzung, Ausgrenzung nach sich. Als der Mönch Martin Luther, der Doktor der Theologie, der Hochgelehrte, in der Einsamkeit seiner Studierstube in Wittenberg saß und mit Gott rang, um einen gnädigen und gerechten Gott: "Wie finde ich den?", da war er von vielen Selbstzweifeln geplagt: "Hat Gott mich lieb?" "Wozu sind wir Menschen eigentlich auf dieser Welt?" "Wie finden wir den Weg zu Gott?" "Müssen wir uns alles nur vorschreiben lassen, uns immer nur das schlechte Gewissen einreden lassen von unseren kirchlichen Oberen und von dem Papst in Rom?" "Was hat denn dieser Mann eigentlich zu tun in der Nachfolge des einfachen Hirten und Meisters Jesus aus Nazareth?"

Dann findet er diese Stelle im Römerbrief, dass es nicht darauf ankommt, was wir tun in dieser Welt, dass wir große Spenden geben, unser ganzes Vermögen hingeben an die Kirche, nur damit der Papst in Rom sich eine goldene Kirche bauen kann. Er entdeckt dieses kleine, tiefe Geheimnis: Es ist besser, ich gebe meinen Pfennig dem Nächsten als dem Papst in Rom, damit der sich eine goldene Kirche bauen kann. Da stellt er fest: "Ich bin ja von Gott als ein freier Mensch gemeint und als ein freier Mensch geschaffen. Ich bin nicht abhängig von Menschen, die mir vorschreiben, was ich tun und lassen soll. Ich bin frei vor Gott!"

Diese Erkenntnis übermannt ihn so stark, dass er einmal in einem Tischgespräch erwähnt, dass er aufgesprungen ist in seiner Stube und hin- und hergetanzt ist voller Freude und begriffen hat: Gott liebt mich so, wie ich bin! Ich muss mich nicht in Reue zerknirschen und muss nicht alles hergeben, was ich habe, und muss nicht Reue heucheln. Ich muss mich nicht bücken vor den Großen in dieser Welt, ob sie in Kirche oder in Politik sind. Ich bin ein freier Mensch vor Gott. Und dadurch werde ich gerecht vor ihm. Denn nur diese Menschen hat er lieb! Und so sagt er es: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan!" Man hat dieses Wort missverstanden! Luther war sich nicht im Klaren darüber, dass seine Thesenanschläge nicht nur eine Reform und Reformation auslösen, sondern einen der schrecklichsten Kriege jener Zeit: die Bauernkriege. Die geknechteten Bauern verstanden ihre Freiheit nun so, dass sie losgingen und ihre Ausbeuter totschlugen. Das meinte Luther nicht! Denn er hatte ja auch eine zweite These dazugesetzt: "Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan."

Das heißt, unsere Freiheit, die wir haben, darf uns nicht dazu verführen, uns über andere Menschen zu erheben, sie zu unterdrücken und zu knechten und selbst Gerechtigkeit auszuüben, da ich auf die Gerechtigkeit Gottes angewiesen bin.

So hat es blutige Kriege gegeben in dieser Welt, aber die Reformation hat doch das eine bewirkt: eine Freiheit des Wortes und eine Freiheit des Geistes, eine Bibelübersetzung und eine ganz wichtige Sache noch, nämlich auch eine Veränderung in der Kirche, die er liebte. Martin Luther wollte seine Kirche nicht abschaffen. Er liebte sie mit heißem Herzen. Er liebte ihre Riten. Er liebte die Gottesdienste und die Gesänge. Er liebte die Gewänder, er liebte die Heiligen und verehrte die Gottesmutter Maria. Er blieb Zeit seines Lebens – so haben seine Zeitgenossen gesagt – ein guter Katholik. Aber er wusste: "Ich kann ein guter Christ sein ohne die da oben! Ich bin ein freier Christ – vor Gott."

Als er nach zwei Jahren seines Aufenthalts in der Wartburg nach Wittenberg zurückkehrte, stellte er fest, dass seine Anhänger inzwischen alle Heiligtümer und Gerätschaften aus den Kirchen hinausgeworfen hatten. Er fand kahle Stätten vor. Alle Heiligenbilder waren entfernt. Er war zornig darüber und hat gepredigt gegen diese Bilderstürmer und dafür gesorgt, dass all diese Heiligtümer wieder hineinkamen in die Kirche und dass die Gottesdienste wieder wie eh und je gefeiert wurden. Er hat uns damit auch eines gezeigt bis unsere Zeit: Man darf auch in einer neuen Kirche die Wurzeln nicht ausreißen, auf denen der eigene Glaube und der Glaube der Menschen gewachsen ist. Mit den alten Liedern, den alten Gebräuchen, sind so viele Erfahrungen des Glaubens und der Liebe der Menschen zu Gott verbunden. Mit den alten Liedern haben sich Erfahrungen gesammelt, die sie hatten über Geburt und Tod und Sterben hinaus, über Jahrzehnte in den Familien. Sie hatten Kraft geschöpft aus Lied, Gesang und Sakrament, und das wollte Luther ihnen erhalten und bewahren. Denn wer seine eigenen Wurzeln ausreißt, der verliert das Fundament, auf dem er steht.

Reformation ist Erneuerung und zugleich auch Bewahrung, Veränderung nach innen und nach außen. Wir haben es erlebt nun in unserer Kirche, diese wunderbare Gründung 1926 unter recht einfachen Umständen in Steglitz, wie dort die Menschen zusammenkamen und wussten: Wir fangen etwas Neues an! Man hat unseren verehrten Meister ausgegrenzt aus den Landeskirchen. Er hat all das, was Luther in seiner Zeit beklagt hat, als großen Mangel auch empfunden! So hat unser Meister in der Kirche, in der er getauft worden ist – in der katholischen Kirche –, letztlich nur Ablehnung und Unverständnis empfunden. Die lutherische Kirche, in die er gewechselt ist, hat ihn nicht besser behandelt. Man hat ihn ausgelacht, bestenfalls, oder verfolgt und durch Gerichtssäle geschleppt und verfemt. So hat man dann letztlich auch mitgewirkt an seiner Verfolgung durch die Mächtigen dieser Welt. Die Kirchen hatten die Brücke zu diesem Mann Gottes, zu diesem Werkzeug Gottes, abgebrochen.

Aber Joseph Weißenberg gründet seine neue Kirche an diesem Reformationsfest 1926 mit dem Auftrag: "Johannische Christenheit, erkenne dein Ziel in der Überbrückung der Konfessionen durch die Liebe!" Die abgebrochenen Brücken hinter sich lassend, ruft er auf, neue Brücken zu bauen, andere Brücken, Brücken hin zu den Menschen guten Willens in allen Konfessionen und allen Religionen, in denen der große Gedanke lebt, dass da ein Gott ist, der uns in seiner Hand hat, der Liebe ist. Das ist ein ganz neuer, ein ganz einfacher und doch so schwerer Weg, auf den er uns geschickt hat an diesem Reformationsfest des Jahres 1926. Das bedeutet auch immer wieder, sich Veränderungen zu stellen nach innen und außen, nicht die zu bleiben, die wir damals gewesen sind. Wir sollen neue Wege gehen und neuen Wegen vertrauen, auf ihnen vorwärts gehen und immer wissen: Nur wer sich immer wieder ändert, der bleibt sich treu.

Wie würde Joseph Weißenberg heute in unserer Zeit, in unserer Welt, zu den Dingen Stellung nehmen, die in der Welt sind, die er in der Kirche vorfindet, an denen er sich vielleicht stößt, über die er sich ärgert oder über die er sich freut. Wie würde er die Dinge angehen? Welche Reformation nach innen und außen würde er immer wieder anregen in unseren Herzen, in unseren Gemeinden, in uns selbst?

Wir haben allen Grund heute, voller Dank und voller Freude zurückzublicken auf eine doppelte Reformation, denn die Johannische Kirche wäre nicht möglich gewesen ohne jene Reformation im Jahre 1517. Da wurden die Weichen gestellt und die Befreiung der Christen in dieser Welt erfolgte, damit sich andere, neue Strömungen bilden und gründen konnten, die überhaupt erst einmal erlaubt wurden und nicht von vornherein der Verfolgung unterlagen.

Auch die Katholische Kirche hat Zeiten der Wandlung und auch der Reformation – wenn auch in kleinen Schritten – hinter sich und fängt an, Brücken zu bauen zu anderen, auch wenn sie ihren Anspruch allein-seligmachend zu sein noch immer nicht aufgeben will. Aber die Brücken sind da! Sie sind im Geiste gespannt. Wir bekommen es immer wieder gesagt: Vertraut diesen Wegen, die Gott mit uns gehen will! Und sehen wir in seinem Werk, in das er uns berufen hat, sehen wir darin die feste Burg unseres Glaubens, zu der wir uns bekennen in aller Liebe und Demut. Amen!

sp