Zeit der Begegnung und Besinnung für die Christen der Welt

Feiertage, die uns bewusst zur Seite nehmen und in die Stille führen wollen

Engel

Gedanken über die eigenen Sterblichkeit gehen gerade in der dunklen Jahreszeit nicht nur Christen durch den Sinn. Evangelische und johannische Christen begehen im November den Toten- oder Ewigkeitssonntag; katholische Christen feiern Anfang November den Tag der Allerseelen. Diese Feiertage möchten uns Menschen in unserem Erdenlauf einmal ganz bewusst unterbrechen, zur Seite nehmen und in die Stille führen. In dieser Zeit werden die Gräber unserer Verstorbenen geschmückt, und wir verbinden uns mit ihnen und beten für ihre Seele. Man wird ihnen vielleicht auch Dank für empfangene Liebe sagen, die man oft erst jetzt so recht ermessen kann. Dabei werden wir gedanklich durch das eigene Leben gehen mit all dem, wie ich meinen Weg bislang gegangen bin, was ich getan und unterlassen habe und werde selbst um mein seliges Ende bitten. Mir wird bewusst, dass mein Leben endlich ist, dass die Ewigkeit neben mir steht, und ich erkenne Aufgaben, die ich zu bewältigen habe.

Totensonntag stellt die Frage nach dem Sinn meines Lebens, nach Gott und dem Nächsten. Ich stehe mit meiner unsterblichen Seele einmal selbst vor dem ewigen Richter. Eine Seele, die sich hier auf Erden schon im Glauben, in Gott geborgen fühlte, die sich hier mühte, auch in Sorge und Verantwortung für den Nächsten, wird die dabei zuteil gewordene Kraft beim Heimgang als etwas Tragendes empfinden. Heimgang aus dieser Welt – Eingang in jene Welt, ein Schritt, der gestützt wird von Glaube und Gnade. "Ich weiß, an wen ich glaube, denn mein Erlöser lebt, der, wird der Leib zu Staube, den Geist zu sich erhebt." Nachfolge im Herrn lässt mich wissen, dass es ein Weg über das irdische Sein hinaus ist, ein Ruf in das ewige Leben. Am Ende steht nicht der Tod als Ziel, sondern die Reife, die etwas im Leben bewirkt hat und in das ewige Leben reicht und mich vor dem geistigen Tod bewahrt. Der Weg Jesu endete auch nicht auf Golgatha. Dem Tod folgte die Auferstehung mit der Botschaft: "Ich lebe, und ihr sollt auch leben."

Jeder Tag ist ein neuer Anfang

Totensonntag, der uns etwas darüber sagen kann, wo wir selbst stehen, wenn wir unser Herz befragen, trägt die Botschaft vom Leben in sich. Der Tag will in unser Leben sprechen. Gedanken, Kräfte des Glaubens, des Geistes sind auch etwas sehr Lebendiges und werden zur Brücke zwischen Diesseits und Jenseits. Diese lassen uns teilhaftig werden am ewigen Leben und geben dem irdischen Leben ein Ziel und wichtige Inhalte. Das Wissen, dass der Tod zum Leben gehört, wird bestärkt. Jeder Tag ist wie ein kleines Leben und immer wieder ein neuer Anfang, ein Stück Werdegang für mich. Und täglich beten wir: "Dein Reich komme", das uns einmal umfangen wird, und damit hängt das andere für die Erdenzeit unmittelbar zusammen: "Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern."

"In der Bibel steht auf diesem Weg des Werdens das bedeutende Wort: 'Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden', und der Satz müsste in euren Köpfen weitergehen, auf dass wir klug werden im Umgang mit unserer Zeit, auf dass wir klug werden im Umgang mit unserem Nächsten, auf dass wir klüger die Gaben der Liebe, die uns gegeben werden, an andere weiter verteilen", heißt es in der johannischen Glaubenslehre.

Alles, was ich überwinde, was ich an Fehlern unverkrampft erkenne in meinem Leben, das wird zu einer Kraft, zu einem Licht auf dem Weg nach Hause. Ich helfe nicht nur der eigenen Seele, sondern auch der anderen; und ich tue damit etwas für Gott und seine Anliegen, denn er will ein Miteinander, das von Gemeinsamkeiten lebt. Er möchte keinen Stillstand, es soll etwas bewegt werden im Spiegel göttlicher Wahrheit. Das heißt: Wir sollen uns aufeinander zu bewegen. Der Herr möchte, dass Uneinigkeit, Hass, Streit und Lüge, Heuchelei aufhören. Alles, was wir in dieser von uns geforderten Arbeit unterlassen, wird zu einer Last. Eine ungenutzte Zeit wird zu Ewigkeits- und Seligkeitsverlusten.

Weiter heißt es in der johannischen Glaubenslehre "Seid dankbar für jeden Kampf, in den ihr geführt werdet, denn das sind Zeiten, in denen ihr für euch, eure Seele und die euch anhängen, etwas tun dürft. Mancher Mensch meint, im Gebet all seine Kämpfe lösen zu können. Und der Geist sieht ihn an und dreht ihn immer wieder auf das Problem zurück, bis er endlich begreift: Ein klärendes Wort, ein erlösendes Wort, ein ehrliches Miteinander-Ausfechten klärt besser und schneller als tausend Gebete." Und das im Angesicht von Tod und Totensonntag zu Lebzeiten.

"Führe mich, o Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort, sei und bleibe du auch heute mein Beschützer und mein Hort; nirgends als bei dir allein kann ich recht bewahret sein." Dieser Liedstrophe von Heinrich Albert möchte man sich anschließen können – im Leben wie im Sterben. (sm)