Vom Palais Mendelssohn zum St.-Michaels-Heim

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Ein Haus vom Hofarchitekten

Palais Mendelssohn - Gartenseite
Das Palais Mendelssohn von der Gartenseite aus gesehen (Foto: rwz)

In den Jahren 1898 bis 1908 entstand an der Ecke Bismarckallee / Herthastraße ein aufwändiges Palais: der Wohnsitz der Bankiersfamilie Mendelssohn. Erbaut wurde es von dem Hofarchitekten Kaiser Wilhelm II., Ernst von Ihne. Während dieser Baumeister bei seinen öffentlichen Gebäuden - der Staatsbibliothek, dem Marstall und dem Kaiser-Friedrich-Museum - dem italienischen Barock huldigte, gab er dem Mendelssohnschen Haus auf Wunsch des Bauherren Franz von Mendelssohn den Charakter eines englischen Landschlosses und unterstrich diesen durch eine Fülle der für Großbritannien typischen Schornsteine; damit war es zum Beispiel dem auch etwa in dieser Zeit erbauten Schloss Cecilienhof in Potsdam sehr ähnlich.

Villenviertel Grunewald

Das Gebiet um Grunewaldsee, Hundekehlesee, das "Seen-Kleeblatt" Dianasee, Koenigssee, Hertha- und Hubertussee bis zum Halensee war bevorzugter Wohnort des wohlhabenden Berliner Finanz- und Bildungsbürgertums. Die Villenkolonie wuchs rasch mit der Bedeutung des Kurfürstendamms: Otto von Bismarck plante ein nobles Viertel vor den Toren Berlins. Städtebauer Carstenn plante den Kurfürstendamm 30 Meter breit, Bismarck setzte 53 Meter durch. 1889 beginnt die Erschließung. Grunewald gehört zu dieser Zeit noch zum Landkreis Teltow. Erst 1920 kommt die Gemeinde mit der Gründung Groß-Berlins zum Verwaltungsbezirk Wilmersdorf. Mit als erste zieht die Kammersängerin Lilli Lehmann hin. Sie bezieht 1891 ein Haus an der Herbertstraße 20, das heute noch erhalten ist.

Kulturelle Zentren

Palais Mendelssohn - Vorderfront
Die Vorderfront des Palais Mendelssohn (Foto: rwz)

Das Palais des Franz von Mendelssohn sowie das benachbarte Gebäude seines Bruders Robert waren ein kulturelles Zentrum in der Villenkolonie Grunewald. Die Brüder - beide waren Inhaber des angesehenen Bankhauses Mendelssohn & Co. - hatten schließlich bekannte Nachbarn: Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann, die Tänzerin Isadora Duncan, der Kritiker Alfred Kerr, die Schauspielerin Grethe Weiser, die Verleger Samuel Fischer, Hans und Hermann Ullstein sowie Wissenschaftler wie Max Planck und Karl Bonhoeffer ließen sich hier ebenfalls ihre Villen bauen. In diesem Umfeld wurden Kultur und Wissenschaft allenthalben gefördert. Unter den illustren Gästen im Palais in der Bismarckallee waren aber auch Kaiser Wilhelm II. oder Albert Einstein, der hier musizierte.

Großfeuer im Grunewald

Dass das "gesellschaftliche Leben" auch mit Aufregungen verbunden sein konnte, berichtet die "Grunewald-Chronik", zusammengestellt von der Grunewald-Grundschule anlässlich ihres 75jährigen Jubiläums im Jahre 1974. Eine dieser Anekdoten dreht sich um ein "Großfeuer im Grunewald" im Jahre 1900:

"...Um das rasende Element zu bändigen und das Übergreifen des Feuers auf benachbarte Villen zu verhindern, wurden große Dichter, Künstler und Finanziers an die Spritzen gestellt. unter Führung Gerhart Hauptmanns sah man Männer wie Sudermann, Presber, Wieck, Waldschmidt, Holmgren, Dernburg (Friedrich, d.V.), Marr, Schwarz, Harden, Kohut, Mühlenbruch, Boermel, Lessing und sogar Robert und Franz von Mendelssohn im Schweiße ihres Angesichts sich abmühen. Alle Pumpen wurden von ihnen in Bewegung gesetzt, aber es half nichts, denn Hauptmann, der alles dirigieren wollte, musste wohl an sein Rautendelein oder andere dichterische Gestalten denken, - kurz, sie spritzten das ganze Wasser daneben, statt ins Feuer. um einen letzten Rettungsversuch zu machen, stürzten große Baumeister, Ingenieure und andere Kolonisten mit gefüllten Wassereimern herbei. Männer wie Müller-Breslau, Hasak, Emmerich, Walther, Hecht, Fuchs, Zipper, Körner, legten die Sturmleitern an und warfen sich in die Flammen. Leider zu spät, denn es entstand ein solcher Wirrwarr und Kuddelmuddel, dass einer über den anderen purzelte und die herrliche Villa indessen bis auf einen kahlen Mauerrest niederbrannte."

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