"In unseren Herzen bleiben nur gute Erinnerungen"

Langersehnte Rückgabe der Friedensstadt an die Johannische Kirche vor 25 Jahren

Vor 25 Jahren, am 29. März 1994, erhielt die Johannische Kirche nach fast 60 Jahren militärischer Fremdnutzung durch die SS und die Rote Armee das Gelände der Friedensstadt zurück. Mit dem folgenden Artikel über diese Rückgabe aus einer damaligen Ausgabe der Kirchenzeitung WEG UND ZIEL erinnern wir an dieses Ereignis:

Mit der feierlichen Schlüsselübergabe an das Oberhaupt der Johannischen Kirche, Josephine Müller, beendete am Dienstag, dem 29. März 1994, der Chef der GUS-Pioniertruppen in Deutschland, Generalleutnant Wjatscheslaw Zwetkow, die 49-jährige Präsenz russisch-sowjetischer Truppen in der Garnison Glau, der Friedensstadt Joseph Weißenbergs (siehe Foto oben). Für wenige Wochen werden noch russische Soldaten mit ihren Familien in der Garnison wohnen, so dass das Militärgelände noch nicht öffentlich zugänglich ist.

Ab zehn Uhr vormittags konnte die Zivilbevölkerung das Garnisonsgelände betreten, und sehr viele Kirchenmitglieder nutzten die Gelegenheit, bei diesem historischen Ereignis dabei zu sein (siehe Foto oben). Um elf Uhr begann dann mit großem militärischen Zeremoniell die Verabschiedung der Truppen. Neben der Bevölkerung waren als Ehrengäste das Oberhaupt Josephine Müller und Vertreter der Johannischen Kirche sowie Kommunalpolitiker, Vertreter der Brandenburgischen Landesregierung und Offiziere der Bundeswehr eingeladen worden. Zwetkow dankte in seiner Ansprache dem Land Brandenburg für die gute Zusammenarbeit und die partnerschaftlichen Beziehungen. Er richtete über den Konversionsbeauftragten, Dr. Helmut Domke, Grüße an den brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe aus. Auch den Bürgermeistern von Glau und Blankensee sprach der Generalleutnant Dank aus. An Josephine Müller gewandt, sagte er: "Wir bedanken uns auch bei ihrer Mutter, die uns immer wieder sehr viel geholfen hat." Weiter sagte der Generalleutnant: "Heute verabschieden wir uns hier von Glau. Dabei hinterlassen wir zur Erinnerung an unsere gefallenen Soldaten und Menschen auch Denkmäler. Diese zu bewahren ist Pflicht eines jeden zivilisierten Menschen. Ich bin davon überzeugt, dass die Bürger von Glau und Blankensee alles dafür tun werden, dass diese Denkmäler erhalten bleiben. Das wird ein Beitrag zur Völkerverständigung sein, für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland. Der kalte Krieg ist zu Ende, wir verstehen uns wieder miteinander. Aber die Welt ist nicht ruhiger geworden. Deshalb sind Zusammenarbeit und Partnerschaft eine Brücke zu friedlichem Leben. Zum Abschluss sage ich mit Optimismus und mit Freude: Auf Wiedersehen Deutschland! Auf Wiedersehen Glau!" Für die Delegation der Bundeswehr ergriff anschließend Oberstleutnant Schramm das Wort. Bei der Zusammenarbeit in der Vergangenheit habe er bei russischen wie deutschen Soldaten Übereinstimmung in dem Wunsch festgestellt, den Frieden zu erhalten, damit beide Völker in guter Nachbarschaft miteinander leben könnten. Dies lege er den Politikern ans Herz, damit sie daran arbeiten. Im Namen der Johannischen Kirche trat Prediger Harald Neise ans Mikrophon. Er sagte unter anderem: "Eine alte Zeit geht zu Ende! Das Schließen der Garnison Glau ist für uns ein besonderes Ereignis, weil es sich in unserem unmittelbaren Lebensbereich vollzieht. Wir denken in dieser Stunde an die wechselvolle Geschichte dieses Geländes. 1920: Erwerb durch den Gründer der Johannischen Kirche, Joseph Weißenberg, zum Bau einer Friedensstadt. 15 Jahre Aufbau einer blühenden Siedlung und eines weithin geschätzten Gemeinwesens unter seiner Leitung. 1935 bis 1946: Kirchenverbot. Verfolgung und Verurteilung Joseph Weißenbergs. 1940: Zwangsverkauf dieses Geländes an den Reichsführer SS. Bis Kriegsende fünf Jahre lang Besetzung durch die Waffen-SS. Seit 1945, nun nahezu fünf Jahrzehnte, Garnison der russischen Truppen. Aus den Händen des ersten Kommandeurs erhält die Johannische Kirche am 30. Juni 1946 das Anwesen Waldfrieden mit der Gottesdiensthalle zurück, verbunden mit der Bitte an das Kirchenoberhaupt Frieda Müller: ,Beten Sie für Russland!‘ Hier hat Frau Müller wieder kirchliches Leben aufgebaut gemäß dem Vermächtnis Joseph Weißenbergs: »Wir haben alle einen Gott und sind alle seine Kinder« und: »dass aus Feinden Freunde werden«. Fünf Jahrzehnte russische Garnison Glau waren für uns fünf Jahrzehnte unmittelbare Nachbarschaft mit russischen Menschen. Wir haben Freunde gefunden. Moskau, Minsk, Kiew, St. Petersburg, Omsk, Krasnojarsk, Wladiwostok und viele Orte mehr sind für uns nicht nur Flecken auf der Landkarte: Es leben Freunde dort. Wenn Sie nun nach Hause gehen, so werden auch Sie zu denen gehören, die wir oft in Gedanken besuchen mit den besten Wünschen für ihre Zukunft. Wir legen alles in Gottes liebevolle Vaterhände."

Um 13 Uhr wurde in einem feierlichen Akt die russische Staatsfahne eingeholt. Anschließend übergab der Kommandeur der Garnison Glau, Oberst Belorus, diese an Generalleutnant Zwetkow. Im Anschluss daran überreichte der Generalleutnant zur Erinnerung an die Garnison Glau den Bürgermeistern von Glau und Blankensee sowie Schwester Josephine als Abschiedsgeschenk je eine Abbildung vom Standbild des sowjetischen Ehrenmales in Treptow. Diese zeigt einen Soldaten, der in Berlin in den letzten Kriegstagen ein kleines Mädchen rettet. Dann nahm Generalleutnant Zwetkow die symbolische Übergabe der Garnison vor. Er übergab Schwester Josephine in einem schwarzen Kästchen einen goldfarbenen Schlüssel: "Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen den Schlüssel unserer Kaserne in Ihre heiligen Hände übergebe. Ich glaube, dieser Schlüssel wird ein Andenken an unsere Zusammenarbeit und unsere Partnerschaft hier auf diesem Gelände sein. In unseren Herzen bleiben nur gute Erinnerungen an unsere Zusammenarbeit. Herzlichen Dank Ihnen und: Auf Wiedersehen!" Josephine Müller wandte sich daraufhin an den General und seine Soldaten: „Ich möchte mich herzlich bedanken, auch im Namen meiner Mutter. Wir möchten uns für die Freundschaft bedanken, die in den letzten Jahren wachsen durfte. Wir wünschen allen Soldaten, die nach Hause gehen, den Schutz und den Segen Gottes. Möge auch immer wieder hier über dieser Stadt unser Wahlspruch stehen, der auch über unserem Zentrum in Berlin steht: »Friede dem, der kommt, Freude dem, der hier verweilt und Segen dem, der weiterzieht!« In diesem Sinne schicken wir euch alle guten Gedanken mit auf den Weg."

Im Anschluss an die Zeremonie fuhren Offiziere, Soldaten und Ehrengäste in die nahe gelegene Stadt Ludwigsfelde. Dort wurde das sowjetische Ehrenmal in die Obhut der Stadtverwaltung übergeben.

Am Nachmittag dieses denkwürdigen Tages verabschiedeten sich die russischen Truppen in der Kirche des Waldfriedengeländes noch einmal mit einem kulturellen Höhepunkt: Ihr großartiges "Tanz- und Gesangsensemble" zog noch einmal alle Register seines Könnens. Im vorderen Hallenschiff, unter dem Bild Joseph Weißenbergs war die Bühne errichtet worden, und von dieser Stelle aus kamen auch an diesem Abend bewegende Worte: Kurz vor Konzertbeginn wandte sich Generalleutnant Zwetkow noch einmal an die Soldaten und die Zivilbevölkerung und betonte, dass die russischen Truppen Deutschland nur mit guten Erinnerungen verließen. Doch dann hieß es: Bühne frei für die Kunst! Und siehe da, die Balalaikas, das Orchester und der Ansager, das waren doch liebgewordene Bekannte, die vielen noch von früheren Konzerten im Waldfrieden und auf Gut Schönhof in bester Erinnerung waren. Los ging es mit einem Solo über den "wunderschönen Baikal". Dann folgten vier Wirbelwinde, nämlich die männlichen Mitglieder der Tanzgruppe, für die das Gesetz der Schwerkraft nur eine untergeordnete Rolle zu haben schien. Anders kann man diese Luftsprünge wohl nicht erklären. – Von dem Miteinander vieler Nationen, das die frühere Sowjetunion in vielen Bereichen prägte, zeugte die Besetzung des Ensembles: Da gab es Russen, Ukrainer, Kosaken, Abchasen und andere Landsleute. Vielleicht fällt es Künstlern auch einfach nur leichter, sich über Grenzen hinweg zu verständigen als zum Beispiel Politikern. Das 90-minütige Konzert verging wie im Fluge, und viel zu schnell hieß es Abschied nehmen. Die zehn Solisten des Abends sangen noch ein Medley deutscher Volkslieder, und dann gab es das, was einem auch bei der Oscar-Verleihung eine Gänsehaut verpasst: Standing Ovations, das heißt, alle Zuschauer erhoben sich von ihren Plätzen und klatschten begeistert. Sichtlich bewegt sprach Generalleutnant Zwetkow noch einmal von der Bühne aus zu den Anwesenden. Nachdem er sich darüber äußerte, dass es ihm "ein Vergnügen ist, die fröhlichen Gesichter zu sehen", bedankte er sich ausdrücklich bei Schwester Josephine für die "jahrelange Freundschaft, die Sie, Ihre Mutter und Ihr Großvater", – und dabei wies er auf das Bild des Meisters –, allen Soldaten entgegengebracht haben. Josephine Müller sprach anschließend allen Anwesenden aus der Seele, als sie unter anderem sagte: "Wir möchten Sie als Freunde in unseren Herzen bewahren."